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Geschichte der Breitachklamm
Kein Teufelwerk, sondern „göttliche Schöpfung"

Pfarrer Johannes Schiebel bezwingt die Klamm

Johannes Schiebel war ein weitsichtiger junger Priester. Er packte 1904 die Erschließung der Breitachklamm an, trommelte die Geldgeber zusammen und diente dem Klammverein als Gründungsvorsitzender. Der Tiefenbacher Pfarrer fand in der abweisenden Schlucht kein Teufelswerk vor, sondern eine „Meisterleistung göttlicher Schaffenskraft". Eigentlich hatte der mit einer starken sozialen Ader und bergsteigerischem Talent gesegnete Geistliche nur eine Einnahmequelle für die bettelarme Bevölkerung schaffen wollen.

In einer Chronik zum 100. Jahrtag der Breitachklamm-Erschließung charakterisiert Peter Weiß Schiebel als einen mutigen und klugen Mann, der auch gegen heftigen Widerstand nicht von seinem Ziel abließ. An einem Hanfseil hängend erkundete Schiebel selbst die bis dahin unzugängliche Schlucht und entdeckte „ein Naturdenkmal von wilder Schönheit". Hochwürdens Urteil: „Die Klamm muss erschlossen werden, koste es, was es wolle."

Es gelang Schiebel Verbündete zu werben, die in eine Genossenschaft 500 Goldmark pro Anteil einzahlten. Und der Pfarrer fand in dem
Südtiroler Bauunternehmer Johann Lucian und dessen Neffen Giovanni kühne Sprengmeister. Fast ein Jahr lang leistete ein Trupp von 20 Mann eine halsbrecherische Schwerstarbeit mit Schwarzpulver und Dynamit, Handbohrern, Pickeln und Schaufeln. Am 6. Mai 1905 erfolgte die erste und gleichwohl immer noch gefährliche Begehung. Pfarrer Schiebel war dabei.
Gern wird erzählt, wie die „Mineure" von damals ihre ersten Sprenglöcher setzten und die Zündungen auslösten. Am langen Seil ging es hinunter; dann wurde die Lunte in Brand gesetzt und im Eiltempo zog man den Waghalsigen schnell wieder nach oben, bevor ihm die Gesteinsbrocken um die Ohren fliegen konnten. Indes: Während der gesamten Arbeiten kam es nicht zu einem einzigen Unfall. Die Klamm wurde schnell zum Anziehungspunkt der Sommerfrischler. Schon 1922 zählte der
Klammverein 100000 Besucher im Jahr.

Pfarrer Schiebel, der auf dem Burgfriedhof von Schöllang begraben liegt, war mit fast 92 Jahren ein langes Leben beschieden. Noch mit 90 durchstreifte der Ehrenbürger von Tiefenbach und Oberstdorf ein allerletztes Mal das sichtbar gemachte Schöpfungswunder.

Bericht von Peter Schwarz
aus der Allgäuer Zeitung vom 8. Mai 2004